Verbraucherkreditrichtlinie: Theorie & Praxis

Die Idee hört sich gut an. Einheitliche Verbraucherkredite für alle Bürger der Europäischen Union (EU). Gemäß einer neuen EU-Richtlinie sollen europäische Verbraucher seit dem 11. Juni 2010 die Möglichkeit haben, bei einer Kreditaufnahme auch von günstigen Zinsen anderer EU-Länder zu profitieren. Doch allem Anschein nach ist man von der angestrebten Harmonisierung des Kreditmarktes noch weit entfernt.

Theorie und Praxis

Zwar ist es theoretisch möglich, als Normalverdiener einen Kredit bei der Bank eines anderen EU-Landes zu beantragen, aber oft genug scheitert die Kreditvergabe an den unterschiedlichen Bestimmungen der einzelnen Mitgliedsstaaten. Eine Erkenntnis, die inzwischen auch in den Kreisen führender Banker für Ernüchterung gesorgt hat.

Großes Zinsgefälle

Dabei könnten Kreditkunden von einer einheitlichen EU-Regelung durchaus profitieren. Immerhin bestehen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten teilweise beträchtliche Unterschiede, was die Höhe der Kreditzinsen angeht. Während beispielsweise in Finnland der durchschnittliche effektive Jahreszins 2009 bei sechs Prozent lag, betrug er in Portugal das Doppelte. In Deutschland lag der Wert im selben Jahr bei acht Prozent.

Hindernis Bonitätsprüfung

Banken vergeben in der Regel Kredite nur dann, wenn sie sicher sein können, dass sie das geliehene Geld irgendwann auch wieder zurückbekommen. Darum sichern sie sich entsprechend ab, indem sie die Bonität ihrer potentiellen Kreditkunden prüfen. Da es aber bislang noch keine Richtlinien über die Zusammenarbeit etwa zwischen der deutschen Bonitätsauskunftsbehörde SCHUFA und den entsprechenden Institutionen anderer EU-Länder gibt, bleibt die angestrebte europaweite Kreditwahlmöglichkeit (zumindest bis auf weiteres) eine schöne Utopie.

Wenige Vorteile

Lediglich die Regelungen, dass Banken künftig nicht mehr allein mit ihrem günstigsten Kreditangebot werben dürfen, sondern gehalten sind, ihr repräsentativstes Darlehen (aufgrund dessen Konditionen mindestens zwei Drittel der Interessenten diesen Kredit erhalten können), zu bewerben, bietet dem Verbraucher einen echten Vorteil. Frühzeitige Kredittilgung soll in Zukunft zwar auch einfacher werden, allerdings steht der Bank in diesem fall ein Entschädigungsbetrag zu.

Höhere Kosten und mehr Bürokratie

Vorläufig bedeutet die neue EU-Regelung für den Verbraucher vor allem ein Mehr an Bürokratie und Kosten. Die Kreditverträge werden umfangreicher, weil Geldinstitute in Zukunft ihre Kunden unter anderem in einem einheitlichen Formblatt ausführlich über ihr Kreditangebot und die im einzelnen entstehenden Kosten informieren müssen. Außerdem wurde festgelegt, dass Bankkunden während der Kreditlaufzeit häufiger als bisher über den Stand ihres Darlehens unterrichtet werden müssen. Die Gebühren für derartige Leistungen können Banken auf ihre Kunden abwälzen.

Weiterführende Informationen:

1. Bundesministerium der Justiz [ Umsetzung Verbraucherkreditrichtlinie ]
2. smava-Blog [ Zusammenfassung EU-Verbraucherkredit-Richtlinie ]
3. n-tv.de [ Zinswerbung soll ehrlicher werden ]